Eine Möglichkeit, erzählt und begründet von Stefan Renzler
Ötzis letzte Tage
nebel
Wenig gibt es über Ötzi zu erzählen, was mit 100% Sicherheit feststeht. Verschiedene, auch hochtechnische Untersuchungen liefern uns interessante, aber nüchterne Fakten. Diese werden interpretiert, und bereits hier kommt es zu Abweichungen in der Deutung der Ergebnisse, je nach dem Wissenschaftler, der die Deutung vornimmt. Die Ergebnisse vieler dieser Untersuchungen verleiten natürlich, sie im Kontext einer Geschichte zusammenzufassen. Weil aber bereits die Interpretation der Untersuchungsergebnisse falsch sein könnte, kann auch die um diese Ergebnisse herum gestaltete Geschichte nicht den Anspruch auf Wahrheit erheben. Und so geht es bei all den vielen Geschichten, die sich um die letzten Tage im Leben von Ötzi ranken, wie bei jeder Geschichte, die um einen wahren Kern herum gesponnen wird, immer um Wahrscheinlichkeiten. Die eine Geschichte kann diesen Anspruch mehr erheben, die andere weniger.

Hier nun meine Geschichte.

-Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen, die es gilt, schlüssig in die Geschichte einzufügen, sind kursiv geschrieben.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
 
Ötzi lebt in einem Dorf am südlichen Fusse
des Alpenhauptkammes. Er lebt in einem Ackerbauerndorf, aber man widmet sich
auch der Viehzucht, vor etwa 5400 Jahren.
Es ist Spätherbst.

-Fast seine gesamte Kleidung besteht aus Leder von gezüchteten Tieren, Schaf, Ziege, Rind.

-Man hat 2 Getreidekörner (Weizen) im
Fellmantel vom Ötzi gefunden. Vielleicht war er beim Dreschen des Getreides mit dabei?

-Ebenso fand man Getreidebrei in seinem Verdauungstrackt und auch der teilweise kariöse Zusand seiner Zähne verweist auf eine stark stärkehaltige Nahrung, wahrscheilich aus Getreide.
 keulenbrot      Pilze      erdbeeren

am Feuer gebackenes Brot                              Pilze                         wilder Schnittlauch                                   Erdbeeren
-Jagdorientierte Stämme mussten, um für den Winter gewappnet zu sein, im Herbst grosse Mengen Fleisch erbeuten und trocknen (Parallelen bei den Prärieindianern Nordamerikas). Im Winter war der Hunger bei ihnen häufiger Gast, ebenso der Hungertod, wenn im Herbst das Jagdglück ausblieb. Grosse Mengen Fleisch zum Trocknen konnten nur grosse Tiere liefern. Am Südrand der Alpen waren Elch, Wisent und Auerrind zu Ötzis Zeit aber schon ziemlich rar, wenn nicht gar schon ausgestorben. Die Eiszeit, die das Grosswild im Steppengürtel am Rande der grossen Gletscher, und damit auch am Alpenrand, begünstigt hatte, war schon seit über 5000 Jahren vorbei.
spitzahorn                      herbstwald

Spitzahornblatt   November                                                                                Buchenwald
-Grössere Brocken Glut können in frische Blätter gehüllt werden, damit der Birkenrindenbehälter, in den die eingehüllte Glut gelegt wird, nicht verkohlt. Etliche Stunden bewahrt man auf diese Art die Glut vor dem Erlöschen. Rechtzeitig entzündet man mit etwas trockenem Gras als Zunder ein neues Feuer und erhält so neue Glut. Feuer auf diese Art zu starten ist wesentlich einfacher, als Feuer mit Feuersteinen und Zunderschwamm zu schlagen oder mit zwei Hölzern zu reiben, vor allem bei hoher Luftfeuchtigkeit. Ötzi nutzte Spitzahornblätter, um die Glut einzuwickeln. In den Blättern fand man Reste von Chlorophyll. Womit sogar der Monat seines Todes einigermassen eingegrenzt werden kann: Auf einer Höhe von 1000 m über dem Meeresspiegel (unteres Schnalstal) findet man auch heutzutage, bis mindestens Mitte November, Spitzahornblätter, die erst an den äusseren Ecken gelb geworden sind. Im Bozner und Meraner Raum bleibt grünes Chlorophyll sogar bis Anfang Dezember in den Blättern des Spitzahorns. Ötzis Flucht könnte Ende Oktober-Anfang November begonnen haben.
Jedenfalls gewinnt Ötzi schnell an Höhe.

-Wie Analysen der Aschenreste von verschiedenen in unterschiedlichen Höhenlagen wachsenden Gewächsen in seinem Birkenrindenbehälter bezeugen, dürften von seinem Abschied aus den Tallagen des Vinschgaus bis zum Tisensjoch kaum zwei Tage vergangen sein. Auch die Wunden in der rechten Hand waren bei seinem Tod noch ziemlich frisch. Die Vernarbung hatte gerade erst eingesetzt.

Kaum Spuren hinterlassend wandert er immer weiter ins Tal hinein. Erst beim Tisenstal verlässt er das Schnalstal und wendet sich nun genau gegen Norden dem Alpenhauptkamm zu.

Er hätte schon vorher, beim Pfossental, oder erst später, am Talschluss bei Kurzras, den letzten Anstieg zum Alpenhauptkamm wählen können.

Seine Verfolger können anhand der Spuren nicht eindeutig bestimmen, ob Ötzi sich schon im Pfossental, oder erst später nach Norden gewendet hat. Oder wählte er vielleicht gar ein südwärts gerichtetes Tal? In jedes der sich auftuenden Seitentäler muss einer der Verfolger hinein. Man muss sicher gehen, Ötzi nicht zu verlieren.

Darauf hat Ötzi spekuliert. Er zwingt seine Verfolger sich aufzuteilen.

Bald erreicht er im Tisenstal die Waldgrenze, doch noch hält er sich im Schutze des Bergwaldes auf. Hier ist es nicht leicht, auf Distanz gesehen zu werden, vor allem nicht von unten. Während er, von oben herab, bessere Einblicksmöglichkeiten in den Wald unterhalb von sich besitzt. Er isst eine Kleinigkeit. Zum Essen hat er nur sehr wenig dabei und auf der Flucht kann er ohne Bogen kein Wild erlegen.

Doch Ötzi weiss, dass er, wenn nötig, sehr lange ohne Essen auskommen würde. Ums Jagen braucht er sich im Augenblick nicht zu kümmern. Daran wird er denken, sobald sein neuer Bogen gebrauchsfähig ist. Jetzt will er ohne Verzögerung über den Alpenhauptkamm.

-In Ötzis Verdauungstrakt findet man Reste von Steinbock und Hirsch, auch etwas Getreide und Beeren (Schlehe, Erntezeit nach dem ersten Frost). Vielleicht hat er das Fleisch in getrocknetem Zustand zu sich genommen.

-Interessant ist vor allem der Fund von Hopfenbuchenpollen: im Darm, auf den Fleischresten und auf den Schlehebeeren. Der gefundene Hopfenbuchenpollen war deshalb so speziell, da der Mikrogametophyt des Pollens noch vollständig erhalten war. Dies ist aber nur dann möglich, wenn der Pollen unmittelbar nach dem Austreten aus der Blüte von Ötzi aufgenommen worden wäre. An der Luft zerfällt der Mikrogametophyt nämlich rasch. Die Hopfenbuche blüht im Vinschgau von März bis Juni, und auch andere im Darm gefundene Pollen sind Frühjahrsblüher. All dies könnte missverständlicherweise auf Ötzis Tod zu dieser Jahreszeit hinweisen.

-Wäre Ötzi aber im Frühling oder Frühsommer gestorben, konnte nur sehr unwahrscheinlich ausreichend Schnee fallen, um seinen Leichnam über den gesamten Sommer zu bedecken und bewahren (das Klima war damals geringfügig wärmer als heute). Der letzte Schnee des Jahres ist der erste der schmilzt. Adler, Fuchs, Geier und andere Fleisch- und Aasfresser hätten genügend Zeit gefunden, ihn zu zerlegen. Selbst dann, wenn er rasch durch starke Winde mumifiziert worden wäre. Aasfresser nehmen auch Trockenfleisch. Aber ohnehin hätten ihn Fliegenlarven in kurzer Zeit bis auf das Skelett abgenagt.

-Viel wahrscheinlicher ist deshalb, dass Ötzi im Spätherbst starb. Anschliessend wurde er von Schnee bedeckt, der just in jenem Winter reichlicher fiel, als dass ihn die Wärme des folgenden Sommers hätte vollständig wegschmelzen können. Dadurch blieb Ötzi über den nächsten Sommer bedeckt. Dann wurde es kälter, es gab mehr Schnee in den Wintern, und Ötzi verschwand unter der sich bildenden Schnee- und späteren Eisschicht, um erst viel viel später wieder aus dem Gletscher herauszutauen.

-Die Hopfenbuchenpollen konnten dennoch in den Darm von Ötzi gelangen, da er getrocknetes Fleisch gegessen hatte. Damals im Frühsommer, als der Steinbock oder der Rothirsch, erlegt worden war, hatte man das Fleisch zum Trocknen aufgehängt. Es ist dies in der Steinzeit die gängigste, wirkungsvollste und einfachste Technik, Fleisch auf Dauer zu konservieren. Der in Massen durch die Luft fliegende Pollen der Hopfenbuche und der anderen gefundenen Pollen von Frühjahrsblühern ist auf dem trocknenden, aber zu Beginn noch klebrigen Fleisch hängen geblieben, wurde dadurch perfekt konserviert, mit dem Trockenfleisch aufbewahrt, bis Ötzi sich gemeinsam mit dem Trockenfleisch auch den Pollen einverleibte. Und deshalb findet man diesen Pollen im Darm von Ötzi, komplett, ohne zerfallenem Mikrogametophyt, obwohl er nicht zur Zeit der Blüte der Hopfenbuche gestorben ist.

Ötzi blickt von der Waldgrenze nach oben. Ab den letzten Bäumen hier im Tal beginnt der gefährlichste Teil seiner Flucht. Das Gelände oberhalb des Waldes ist auch von unten gut einsichtbar. Feinde, die unter ihm irgendwo im Wald warten, würden ihn leicht erspähen. Ötzi weiss, er würde in einem Tag hier hinaufsteigen und drüben auf der Alpennordseite wieder absteigen müssen. Ab hier wird kein Baum und kein Busch den Wind brechen. Obwohl es hier oben, jetzt im Spätherbst, schon ziemlich kalt wird, entfacht Ötzi kein Feuer mehr, zu leicht würde ihn der Rauch verraten.

Er wartet auf eine Gelegenheit, unsichtbar aufsteigen zu können. Wenn kein Nebel oder Schnee aufkommt, würde er nachts gehen müssen. Aber er weiss, dass die Nacht nicht die ideale Tarnkappe für ihn ist. In der Dunkelheit würde er sich schwer tun, den Steig vor sich zu erkennen, und ständiges Stolpern würde ihn unnötig ermüden. Ausserdem besteht das Risiko, einen Stein ins Kollern zu bringen und sich durch das Gepolter zu verraten.

Weiter unten im Tisenstal nähert sich inzwischen einer der Verfolger. Er wurde für das Tisenstal abgestellt. Da nicht so viele Verfolger in der Gruppe waren, wie das Tal Seitentäler besitzt, ist er nun alleine unterwegs. Auch er entzündet kein Feuer, will nicht entdeckt werden. Er weiss, der Mann den er töten soll, ist kein Niemand, im Gegenteil, er hat schon viele überlebt. Es wäre unklug, selbst zum Opfer zu werden. Er sucht sich einen guten Platz im Wald, um den oben liegenden freien Hang zu beobachten. Sollte "der Alte" hier in diesem Tal über die Berge wollen, würde er ihm nicht entgehen.


Es kommt Ötzi gelegen, dass sich ein Wetterumschwung bemerkbar macht. Oben in den Bergen senkt der Schnee seine weissen Schleier über die Landschaft, langsam kommen sie immer tiefer, wie ein Vorhang. Bald werden die dichten Flocken sein Versteck erreicht haben und ihn unsichtbar machen. Das wäre der sichere Moment zum Losgehen. Doch die Zeit verstreicht. Und oben am Pass wird mit jeder verlorenen Stunde mehr Schnee liegen, und ein Durchkommen erschweren. Ötzi ist hin und hergerissen: Soll er warten, bis der Vorhang ihn erreicht hat und ihn hinter sich verbirgt, oder besser doch schon aufbrechen, das Risiko auf sich nehmen, in den ersten 100 m Aufstieg vielleicht gesehen zu werden, aber dafür oben schneller marschieren zu können?

-In seinem Fellmantel und auch im Darm wurde der Pollen der Hopfenbuche gefunden. Die Hopfenbuche wächst nur südlich der Alpen.

-Die vergleichende Zahnschmelzanalyse deutet auf eine Kindheit im Eisacktal und ein späteres Leben im Vinschgau hin.

Ötzi ist in seinem Dorf ein angesehener Mann.

-Kupferklingenbeil! Wegen des hohen Wertes des Kupfers zu jener Zeit, ist anzunehmen, dass nur sehr angesehene Mitglieder des Stammes Produkte daraus besassen.

Auch wegen seines für damalige Verhältnisse hohen Alters wird Ötzi geachtet.

-Mit etwa 45 Jahren (Altersbestimmung über Oberschenkelknochenprobe) gehörte er sicher zu den sehr wenigen "Alten" seiner Zeit. Natürlich war es auch vor 5000 Jahren möglich, 80 und auch mehr Jahre zu leben, aber die Wahrscheinlichkeit war minimal. Krankheiten, Unfälle, Verletzungen, harte Lebensbedingungen, sorgten dafür, dass nur wenige Menschen über 30 Jahre alt wurden. Man denke an die geringe Lebenserwartung in einigen besonders armen Ländern unserer heutigen Welt, auf Grund hoher Kindersterblichkeit, häufigem Tode der Mütter bei der Entbindung ihres Kindes, Machtlosigkeit gegenüber bei uns leicht zu heilende Krankheiten (z.B. Lungenentzündung). Auch dort (z.B. Lesotho) liegt die durchschnittliche Lebenserwartung heutzutage kaum über 30 Jahren.

-Wegen der Bedeutung, die Ötzi in seinem Dorf gerade wegen seines Alters zukam, vermute ich, dass Ötzi nicht im Zuge eines internen Streites um Macht ums Leben kam. In seinem Alter hatte Ötzi wohl in erster Linie beratende Funktion, und weniger entscheidende. Die Achtung vor dem Alter bedeutete nicht, alles auszuführen, was die "Alten" vorschlagen. Es wäre nicht nötig gewesen, Ötzi aus diesem Grund zu beseitigen. Parallelen dazu findet man wiederholt in Sozialstrukturen heute noch auf einfachem Niveau lebender Völker, oder bei den diesbezüglich gut studierten Indianern Nordamerikas, die im 17 Jahrhundert noch weitgehend in der Steinzeit lebten. Bei Letzteren galten die alten Stammesmitglieder als "Weise" und hatten beratende Funktion. Ihr Rat galt als sehr wertvoll, aber die Entscheidung wurde meist nicht von ihnen gefällt, sondern von einem Häuptling, der das Weisenalter noch nicht erreicht hatte. Er war es auch, der für seine Entscheidung die Verantwortung übernehmen musste.

Wäre Ötzi von seinen eigenen Leuten oben am Berg ermordet worden, hätte man ihn mindestens gut begraben, um zu verhindern, dass sein Geist ins Dorf zurückkommen und sich rächen würde können.

Ötzis Zeit ist eine Zeit des Überganges:

-Steinzeit (Messer), die zur Kupferzeit wird (Axt).

-Es ist auch eine Zeit des Überganges von einer Gesellschaftsstruktur, die bisher vornehmlich vom Jagen und Sammeln, und damit nomadisch lebte, zu einer, die Ackerbau betreibt, und damit sesshaft geworden ist. Noch gibt es beide Formen. Manche Stämme sind sesshaft, besitzen Hütten, auch aus Stein, nutzen Ton, um Kochutensilien herzustellen.

-Andere Stämme sind Nomaden, deshalb hinterlassen sie uns nur wenig Funde, die von ihrer Lebensgemeinschaft erzählen. Wer nomadisch lebt, nutzt Materialien, die leicht und transportfähig sind, oder überall vorgefunden werden, um nicht transportiert werden zu müssen, wie z.B. Holz und Leder. Baldige Verrottung der gefertigten Gegenstände ist die Folge.

-Der Übergang von der Jagd-Gesellschaft zu einer Ackerbau-Gesellschaft hatte für die Ackerbauern den Vorteil einer höheren Überlebenswahrscheinlichkeit ihrer Sippschaft, da es nun vermehrt möglich war, Lebensmittel für die karge Zeit des Winters aufzubewahren. Im Gegensatz dazu, lebten die Jäger buchstäblich von der Hand in den Mund. Klar ist auch beim Ackerbau nicht alles abgesichert, man denke nur an das Wetter. Aber man war mindestens nicht vom Wild abhängig, wie die Jäger. Trotzdem ging man auch als Ackerbauer auf die Jagd, aber Wild war nicht mehr die primäre Nahrungsquelle, sondern es ergänzte das angebaute Produkt, welches sich für den Winter lagern liess.
  


-Stämme, die Ackerbau betrieben, wurden wegen der nicht verschiebbaren Äcker sesshaft. Sie organisierten sich in festen Dörfern, in denen sie sich durch Palisaden vor Fressfeinden zu schützen suchten (Wehrdörfer). Das waren nicht nur wilde Tiere wie Bär und Wolf, die durchaus auch bis in die Dörfer vordrangen, wenn leichte Beute sie lockte.

-Auch andere Stämme konnten zu einer Gefahr werden, wenn sie, vom Hunger getrieben, versuchten, das Überleben ihrer eigenen Sippschaft durch einen Überfall auf ein Acherbauerndorf (meist weniger kampfbetonte Gesellschaft) zu sichern. Wer fürchtet zu verhungern, sieht sich im Recht, von denen zu nehmen, die mehr haben (sogar heute noch als "Mundraub" bezeichnet). Und er hat auch wenig zu verlieren: Entweder stirbt er im Kampf jetzt oder später im Winter durch Verhungern. Diese Jäger- Gesellschaften waren auf alle Fälle besser auf Kampf, Krieg und Töten vorbereitet, als die Ackerbauern. Letztere waren bestimmt nicht wehrlos, doch lebten sie nicht vom Töten, sondern vom Pflügen und Ernten! Wer ständig tötet, und seien es Tiere, baut Hemmschwellen ab, auch jene, Menschen zu töten. Ausserdem ist er agressiver (Studien haben ergeben, dass Vegetarier weitaus weniger Agressionen aufbauen, als Fleischesser). Jäger können besser mit den Waffen (Pfeil, Speer, Axt) umgehen, als Ackerbauern, weil sie sie öfter benutzen und damit besser geübt darin sind. Auch dreht sich ihre gesamte Existenz und häufig auch ihre religiösen Kulthandlungen um Waffen. Die vergleichende Verhaltensforschung über die Indianer Nordamerikas hat ergeben, dass auch dort, unter steinzeitlichen Lebensbedingungen, wie sie existierten, bevor der weisse Mann auftauchte, die Stämme, die vom Ackerbau lebten, friedfertiger waren, und auch weniger kriegstüchtig, als Völker, die von der Jagd und damit vom Fleisch lebten).

-Gesammelt wurde in beiden Gesellschaftsstrukturen. Nicht nur Nüsse, Beeren und Früchte, Pilze, Pflanzen und Heilkräuter, Pflanzensäfte, Samen und Wildsalate, sondern auch jede Art von Insekten (sie sind fast zur Gänze essbar und zum Teil sehr proteinhaltig), Fische wurden gespeert oder mit Haken gefangen, Kleintiere in Fallen (Schlingen und Schlagfallen), auch grössere Tiere (Grube, Schlagfalle), und natürlich auch Vögel (Vögel mit Netzen zu fangen, ist eine der ältesten vom Menschen genutzten Jagdformen – Ötzi hatte ein Netz in seinem Gepäck). Fallenstellen trug einen erheblichen Teil zur Nahrungsbeschaffung bei, vor allem Frauen und Kinder beschäftigten sich damit.

-Doch der grosse Unterschied: "Ackerbauern" bauten verschiedene Formen von Urgetreide an. Jäger müssen Grosswild erbeuten.

-In den eben erwähnten Unterschieden der gesellschaftlichen Lebensformen vermute ich den Auslöser zum Drama, welches letztlich zu Ötzis Tod führte.

Einem der Jagd anhängendem und nomadisierendem Stamm gelingt es damals nicht mehr rechtzeitig bis zum Herbst, genügend Fleisch für den Winter zu erlegen und trocknen. Man entscheidet sich, ein Dorf zu überfallen und die dort gehorteten Lebensmittel zu rauben. Jetzt, und nicht erst später im Winter, wenn die eigenen Vorräte aufgebraucht und die Männer körperlich geschwächt sein würden, und ebenso die Nahrungsmittel des Dorfes reduziert wären.

Die Wahl fällt auf Ötzis Dorf. Die Verteidigung und letztlich auch die Palisaden halten dem unerwarteten Ansturm nicht stand, es kommt zum Nahkampf innerhalb des Dorfes zwischen den Angreifern und den Verteidigern. Dabei verletzt sich Ötzi an seiner Handfläche.

-Die rechte Handfläche war verletzt worden, weil Ötzi sie zum Abwehren eines Messersangriffs nutzte. Ähnliche Verletzungen treten auch heute noch bei Messerkämpfen auf. Die Wunde war erst kurz vor seinem Tode entstanden, wenige Stunden bis einige Tage vorher.

Ötzis Bogen geht bei diesem Kampf zu Bruch, weil er ihn verzweifelt als Schlagwaffe im Nahkampf einsetzt.

-Er könnte auch einfach beim Spannen gebrochen sein. Dies war ein bekanntes Problem von Holzbögen bis weit ins Mittelalter, weshalb englische Bogenschützen auf einen Ersatzbogen zurückgreifen konnten.

Als der entgültige Sieg der Feinde feststeht, gelingt Ötzi mit dem was ihm verblieben ist, die Flucht. Ötzi verschwindet "geordnet", also nicht ohne vorher ein paar Pfeile aus dem Körper verwundeter oder toter Menschen zu ziehen.

-Selbst wenn der Pfeilschaft schon zerbrochen war, so lag es Ötzi doch an der Pfeilspitze aus Silex (siliziumhaltiges Gestein, Feuerstein). Silex war der Stahl der Steinzeit, damals von sehr grossem Wert und wurde über weite Wege transportiert und gehandelt. Aus Silex konnten rasiermesserscharfe Pfeilspitzen hergestellt werden.

Ötzi will die schon gebrauchten Pfeilspitzen nutzen und in einen zukünftigen Pfeilschaft einsetzen.

-Es kleben Blutreste von 2 verschiedenen Menschen auf diesen Spitzen. Auch auf seinem Mantel fand man Blut von 2 Menschen. Es war gekämpft worden.

Ötzi muss damit rechnen, dass ihn seine Feinde verfolgen, um ihn zu töten, er wird sich verteidigen müssen. Im allgemeinem Tumult greift er sich auch etwas Essbares, vor allem von dem überall im Dorf zum Trocknen aufgehängten Steinbock- und Rothirschfleisch.

-Reste von rohem Steinbock- und,  Rothirschfleisch, Beeren,und Getreide, wurden in seinem Darm und Magen gefunden. Da vermutet wird, dass Ötzis Bogen, so wie er ihn bis zum Augenblick seines Todes aus einem Eibenstamm geschnitzt hatte, nicht einsetzbar war, hatte Ötzi diesen Proviant wahrscheinlich vor seiner Flucht mitgenommen.

-Aus der Vergleichsforschung über Völkern, die auf Steinzeitniveau lebten (Süd- und Nordamerika), kennt man folgendes Szenario bei einem Überfall durch einen fremden Stamm:

-Es existierte das Gesetz der Blutrache. Auch bei Moses heisst es noch "Auge um Auge, Zahn um Zahn." Deshalb musste jeder Angreifer, auch nach einem Sieg, Zeit seines Lebens um seine Existenz fürchten, wenn es auch nur einem einzigen besiegten Feind gelingen würde, zu fliehen, sich mit einem anderen Stamm zu verbünden, um mit dessen Hilfe diese Blutrache zu erfüllen.

-Es gab für denn Sieger nur eine einzige Lösung: alle Feinde mit ausgereiftem Bewusstsein und Erinnerungsvermögen mussten getötet werden.

-Das bedeutet, dass alle Männer im Alter von ca. 4-5 Jahren (Beginn der Erinnerungen) aufwärts getötet wurden. Kinder unter diesem Alter wurden in den eigenen Stamm integriert und von Familien aufgenommen. Sie würden sich später nicht mehr an ihren alten Stamm erinnern und damit dem neuen treu bleiben. Je grösser die Zahl eines Stammes, desto höher seine Wehrhaftigkeit und Überlebenschance (nicht in der Eiszeit, wo kleinere Gruppen wegen des geringeren Nahrungsangebotes eine höhere Überlebenschance besassen; aber sehr wohl in der Warmzeit, vor 5000 Jahren). Deshalb auch das Interesse, Mädchen und Frauen im gebärfähigem Alter (damals wohl von ca. 12 bis 20 Jahren)in den eigenen Stamm einzugliedern. Sie wurden Männern des eigenen Stammes überlassen, wobei einige angesehene Männer durchaus auch mehrere Frauen haben durften, wenn sie gute Jäger waren und ausreichend Nahrung beschaffen konnten. Lebten sich diese Frauen ein, wurden sie zu vollwertigen Mitgliedern des neuen Stammes. Wehrten sie sich, wurden sie getötet.

-Alle alten Frauen des feindlichen Stammes, die keine Kinder mehr bekommen konnten wurden getötet.

Ötzi weiss, man wird alles daran setzen, ihn zu erwischen und zu töten, aus Angst vor seiner Blutrache. Alleine, auch das ahnt er, hat er weder die Möglichkeit, auf Dauer seinen Verfolgern zu entkommen, noch seinen Durst nach Rache zu stillen. Er muss sich einem anderen Stamm anschliessen. Einem Stamm, den er kennt, wo er geschätzt wird, wo er Einfluss üben kann. Vielleicht wird er dort nicht nur Unterschlupf finden, sondern auch die Mitglieder des Stammes dazu bewegen können, mit ihm diese seine Feinde, die ihm die gesamte Familie genommen haben, zu vernichten.

Seinen Fluchtweg muss Ötzi sorgfältig wählen. Er soll ihm selbst Vorteile bieten, sei es weil er den Weg kennt, und seine Verfolger nicht, sei es, weil die Strecke ihn auch strategisch begünstigen soll. Er entscheidet sich für den Weg über die Alpen. Auf der anderen Seite, im heutigen Ötztal, lebt sein Sohn mit seiner Familie. Dort wird er Schutz finden.

-DNA Analysen in Tirol haben ergeben, dass von den 3700 Männern, deren Y-Chromosom auf Gemeinsamkeiten zu Ötzis DNA untersucht wurde, immerhin 19 zu den Nachkommen Ötzis gerechnet werden könnten.

-Ötzi kannte das Tisensjoch wahrscheinlich. Vielleicht war er dort schon als Hirte auf den Almen (wurden schon damals genutzt), als Händler (Kupfer?, Silex?...), Jäger, Schamane, oder was auch immer er im Leben gemacht haben mochte.

Er kennt den Weg über den Pass, er weiss, wo sich Verstecke bieten, wo man schon mit einem Stein einen Verfolger von oben würde erschlagen können. Er weiss, dass Spuren auf dem Gestein kaum lesbar sind, und seine Verfolger viel Zeit beim Suchen verlieren werden. Der Spätherbst ist nicht die ideale Zeit für den Aufenthalt im Hochgebirge, Kälteeinbrüche und Schneefall können plötzlich hereinbrechen, können sein Vorhaben vereiteln, aber Schneefall und Nebel bieten sich auch als Tarnkappe an, die sich über die Landschaft legt. Schnee verdeckt Spuren, Nebel macht unsichtbar. Und er, Ötzi, kennt sich da oben besser aus, als seine Verfolger. Ja, das wird sein Weg sein. Ausserdem können seine Verfolger, auch wenn sie seine Absicht erahnen werden, nur schwer feststellen, welches der Seitentäler des Haupttales er als Fluchttal wählen wird. Es gibt deren mehrere, die über den Alpenhauptkamm führen.

Ötzi bricht auf, mit dem was er am Leib trägt, seinen Kleidern, seinem "Tarnmantel" aus verschiedenfarbigen Lederstreifen (ähnlich den heutigen Tarnanzügen des Militärs verschmilzt ein Gegenstand besser mit dem Hintergrund, wenn die einzelnen Farbflecken, die die Kleidung ausmachen, nicht zu gross sind), und dem wenigen, was er greifen kann.

-Er ist recht gut ausgerüstet: Fellmütze, Mantel, Fellschuhe mit Innenschuh und Gras als Isolierung (statt Socken). Als Fell und Leder nutzte er vor allem jenes von Haustieren, wie Schaf und Ziege, auch Rind, was auf eine Hirtengemeinschaft im Dorf schliessen lässt. Vielleicht waren die Leute in seinem Dorf in gleichem Masse als Ackerbauern, wie auch als Hirten tätig, wie es die Bauern in unseren Bergen bis in die 60er Jahre gewesen sind. Die Milchproduktion war zu Ötzis Zeiten wohl kein Thema. Wie die meisten Menschen seiner Zeit, war auch er laktoseintollerant (Genomforschung). Viehaltung für die Milchgewinnung entwickelt sich vermutlich erst später.

-Es ist nicht klar, ob es ich bei der bei Ötzi gefundenen grob verwobenen „Grasmatte“ um einen „Grasmantel“ handelt, wie anfangs vermutet, oder um ein „Rucksackgeflecht“, welches auf dem Gestell seiner Kraxe montiert war und mit dem Gewebeteil eines modernen Rucksacks vergleichbar wäre.

-Regenfest ist das bei Ötzi gefundene Geflecht aus alpinem Süssgras und Grasschnüren nämlich nicht. Genau dort, wo die einzelnen Grasstränge von den Grasschnüren zusammengehalten werden, kann Wasser eindringen – was eher für einen Sack spricht, der an einer Kraxe befestigt ist und nicht regendicht sein braucht. Nur eben dicht genug, die Ladung nicht zu verlieren.

-Im Osten der Türkei gibt es allerdings auch heute noch Hirten, die ötzi-ähnliche Grasgeflechte als Mäntel gegen Kälte und Regen nutzen. Gleichzeitig kann dieser 2-3 cm dicke und rechtwinklig hergestellte „Grasponcho“ als angenehme Isoliermatte zum Rasten oder Schlafen gebraucht werden.

-Anlehnend an die türkischen Grasmäntel und die bei Ötzis Grasgeflecht verwendete Webtechnik, habe ich mehrere Grasmäntel selber hergestellt. Baute ich den Mantel wie ein mit Stroh gedecktes Dach auf und deckte alle verbindenden Nähte mit von der nächsthöheren Naht herabhängendem Gras ab, bleibt der Grasmantel selbst bei stärkerem Regen dicht. Der Mantel wirkt dann etwas fülliger, als die bei Ötzi gefundenen Fragmente und auch die Verbindungsschnüre aus Gras sind nur mehr an der Innenseite des Mantels sichtbar. Doch vielleicht war Ötzis Mantel einfach nur alt und hatte den eigentlichen Regenschutz schon verloren. Im Spätherbst hätte Ötzi eher mit Schneefall und nicht Regen zu rechnen gehabt. Und den hätte auch ein verschlissener Mantel noch abgehalten.


-Sein prestigeträchtiges Kupferbeil und sein Messer aus einer länglich gehauenen Silexklinge ist auch dabei, ebenso seine Bauchtasche mit allerlei nützlichem Inhalt:
vom antibiotischen Pilz,
Birkenporling(vielleicht als Zunderschwamm),
Pyrit(vielleicht zum Funkenschlagen), verschiedenen Schnüren(vielleicht Netz für Vogelfang), bis zu Tiersehnen.
-Sein Köcher mit Pfeilresten befindet sich auf seinem Rücken. Wahrscheinlich hat er sich auch noch ein Rucksackgestell gegriffen (an seiner Fundstelle fand man eines), vielleicht hat er es sich aber auch erst während seiner Flucht angefertigt. Für den Rahmen der Kraxe brauchte er nur einen biegsamen Ast, ein Holzbrettchen und ein paar Riemen.

Ötzis Feinde nehmen die Tatsache seiner gelungenen Flucht nicht gelassen hin. Sie wissen, dass er ihnen wegen seiner Kenntnis des Geländes überlegen ist. Und sie wissen nichts von seinen Schmerzen in den Gelenken.

-Medizinische Untersuchungen haben ergeben, dass Ötzis Gelenkapparat ziemlich abgenutzt war und auch an Schmerzen litt, die er versuchte, mit Tätowierungen zu lindern. Diese Tätowierungen sind interessanterweise an Körperstellen angebracht worden, die auch von der chinesischen Akupunktur mit Nadelstichen für die Schmerzstillung behandelt werden. Bei Ötzi handelt es sich allerdings nicht um Nadelstiche, sondern um kleine Schnitte, in die Kohlepulver gerieben wurde. Ötzi hat bestimmt häufig schwere Lasten wie Gämsen und Steinböcke über schlechte Steige geschleppt, viele Höhenmeter im Gebirge erwandert und damit seine Gelenke stark strapaziert.

Wegen seines Kenntnisvorteils setzt man Ötzi nicht einen einzigen Verfolger an die Fersen, sondern eine kleine Gruppe.

Ötzi flieht ins Schnalstal hinein.
zaun
-Er wird am Tiesensjoch gefunden. Man nimmt an, dass er die letzten Jahre seines Lebens im Vinschgau verbrachte (Zahnschmelzanalyse). Am Eingang ins Schnalstal, unterhalb Schloss Juvals, hat man steinzeitliche Siedlungen entdeckt, die auch zu Ötzis Zeit bewohnt waren.

Gleich zu Beginn seiner Flucht legt er sich einen Eibenstamm zu, den er im Laufe der kommenden Abende mit seinem Kupferbeil zu einem Bogen formen wird.

-Ein geschickter Mann kann aus einem rohen Stück Eibe innerhalb von 1-2 Stunden einen noch nicht gebrauchsfertigen Rohbogen, wie ihn Ötzi dabei hatte, herstellen. Die Feinarbeit hätte mehr Zeit gekostet. Eibe ist ideales Bogenholz. Splint und Kernholz sind klar abgegrenzt. Ideal, da sich Kernholz, weil besser auf Druck belastbar, für den Bauch des Bogens (Stauchzone) eignet, während für den Rücken des Bogens (Dehnzone) das zähere Splintholz die geeignetere Wahl ist. Im Mittelalter, als fast alle Bögen aus Eibe hergestellt wurden, und der Verbrauch dieses Holzes riesige Ausmasse annahm, wurde die Eibe fast vollständig ausgerottet. Heute ist die Eibe ein geschütztes Gehölz.

Ausserdem bastelt sich Ötzi aus Birkenrinde zwei Behälter, einen davon um Glut zu transportieren.
oetzis route

Ötzis möglicher Fluchtweg
birkenrinde           birkenrindenbehälter        Birkenrindenbehälter
er die schemenhafte, kleine Gestalt, kurz bevor sie weit oben am Hang im Schneegestöber verschwindet. Das ist seine Gelegenheit, Ruhm und Achtung in seinem Stamm zu erlangen. Er würde "den Alten" weit voraus gehen lassen, und dann, wenn er vom Aufstieg ermüdet ist, würde er zuschlagen und ihn erschiessen. Ötzi würde ihn im Schneetreiben nicht sehen, er aber dessen Spuren.

Als Ötzi die Senke unterhalb des Niederjoches erreicht, seinen unfertigen Bogen als Stock gebrauchend, blickt er nach rechts zum Joch hinauf. Dieser Übergang wäre um 200 Höhenmeter niedriger als das Tisensjoch, doch das Niederjoch präsentiert sich abweisend, mit seinen steilen Felsenklippen, und ist für ihn nicht passierbar.

-Später einmal, viel später, werden Hirten einen Steig in den Felsen hauen, und damit den Übergang um viel Mühe erleichtern.

Ötzi steigt links weiter nach oben, zuerst über einen steilen Grashang, jetzt leicht mit Schnee bedeckt, der Boden ist rutschig. Daran schliesst sich ein Geröllhang an, den eine steinige Rampe mit dem Tisensjoch verbindet. Von dort würde es nur mehr abwärts gehen. Das alles kennt Ötzi von früher. Je höher er steigt, desto höher liegt der Schnee, doch Ötzi fühlt sich kräftig. Der Schnee schluckt alle Geräusche, auch das Knirschen der Steine, auf die Ötzi tritt. Losrollende Steine werden gebremst. Mühsam ist der Anstieg dennoch, da er bei jedem Vorwärtsschritt auch ein Stückchen zurückrutscht. Das verhindert einen energiesparenden Gehrythmus. Immer wieder bleibt er stehen, lauscht in die dicht fallenden Schneeflocken hinein, hört sein Herz pochen, seinen
Atem keuchen. Er isst von dem mitgebrachten und halb roh, halb getrockneten Steinbock- und Hirschfleisch. Nun hat auch der Wind zu blasen begonnen. Oben am Joch wird es zu kalt zum Rasten sein. Besser hier noch was essen.

-Tatsächlich ergeben Sondierungen des Mageninhalts, dass Ötzi kurz vor seinem Tod rohes Steinbock- und Rotwildfleisch gegessen hat.

Endlich kommt die Rampe zum Joch in Sicht. Bald wird es abwärts gehen.

Doch sein Verfolger hat leichtes Spiel. Im Schnee hinterlässt Ötzi deutlich erkennbare Spuren. An der Menge des Neuschnees auf der Spur kann der Jäger ablesen, wie weit Ötzi noch entfernt ist. Er kommt ihm näher. Vorsichtig tastet er sich den Geröllhang hinauf, weiss Ötzi nicht weit vor sich. Er spürt seinen Bogen, kennt seine scharfen Pfeile. Dann sieht er den alten Mann. Nur wenig vor ihm taucht er aus dem Nebel auf, geht auf einer Rampe dem Schneesturm am Joch entgegen, bleibt stehen, geht weiter, er scheint müde, bleibt wieder stehen.

Die Gelegenheit ist günstig. Oben am Joch würde der Wind stärker blasen und einen guten Schuss vereiteln. Das Wetter wird immer schlechter. Leise nimmt er den Bogen in den Arm, den Pfeil aus dem Köcher. Er zählt zu den besten Schützen seines Stammes, doch dieser Schuss wird nicht einfach werden. Ötzi befindet sich gerade mal 30 m von ihm entfernt, leicht nach oben versetzt.

-Die Einschussrichtung und Einschlagstärke wurden bei Untersuchungen und Probeschüssen mit einem Bogen, der entsprechend Ötzis Bogen nachgebaut wurde, bestätigt.

Es gilt den Wind zu berechnen. Er hat nur diesen einen Schuss. Geht der fehl, ist Ötzi gewarnt, der Überraschungsmoment verloren. In einem Nahkampf könnte auch er verletzt oder gar getötet werden. Er wiegt den Pfeil in seiner rechten Hand, platziert ihn auf die Bogensehne.

Eben hat der alte Mann sich wieder zum Verschnaufen auf seinen Stock gestützt, er blickt aufwärts, wo das Joch im Schneetreiben liegt, liegen muss. Ötzi zeigt seinem Verfolger den Rücken. Der Schütze richtet sich auf. Er spannt den elastischen Kampfbogen, zielt, der Pfeil zerschneidet die eisige Luft. Aufschlag!

Ötzi fährt der Pfeil glühend heiss in die linke Schulter. Der Schlag kommt von hinten, wirft ihn vorwärts zu Boden. Hart schlägt er mit dem Kopf gegen die Felsen. Der Schmerz nimmt ihm den Atem. Reglos liegt Ötzi auf dem Bauch. Nur noch wenige Meter und er hätte das Joch erreicht.

-Untersuchungen am Kopf Ötzis weisen auf ein erlittenes Schädeltrauma.

Der Schütze ist mit sich zufrieden. Der Pfeil hat perfekt getroffen. Der Alte ist gefallen wie ein Stein. Er würde sich die Besitztümer des Toten aneignen, sein Ansehen würde gewaltig steigen, vor allem mit dem seltenen Kupferbeil, welches er schon beim Überfall im Dorf gesehen hatte.

-Brauchbare Gegenstände eines feindlichen Toten an sich zu nehmen, ist und war bei Urvölkern üblich, sei es, um sich einen materiellen Vorteil zu verschaffen, sei es, mit wichtigen Ritualen verbunden, um die Kraft eines getöteten Feindes an sich selbst zu binden.

Vorsichtig nähert er sich dem im Schnee am steilen Hang auf der schmalen Rampe liegenden Mann. Viel Blut sickert aus der Wunde. Der Schnee beginnt sich rot zu färben. Echt ein guter Schuss! denkt er. Genau von hinten ins linke Schulterblatt. Doch wo ist das Beil? Es liegt eingeklemmt halb unter dem Körper des Mannes. Es war ihm beim Sturz entglitten. Der "Jäger" dreht sein Opfer herum, will ihm das Beil entreissen.

Als der Pfeil ihn trifft, und der Schmerz seinen Körper durchzieht, weiss Ötzi sofort, einen Nahkampf wird er nicht mehr gewinnen. Doch er ist nicht umsonst alt geworden. Als der Verfolger sich über ihn beugt, ihn tot wähnend, berauben will, wirbelt Ötzi herum, einen spitzen, faustgrossen Stein in der Hand, und schmettert ihn mit Wucht gegen den Schädel des überraschten Gegners. Dieser wankt und stürzt zu Boden. Es knackt. Er ist auf seinen eigenen Jagdbogen gefallen und der zerbricht unter dem Gewicht. Ötzi wartet nicht lange - mit dem Stein in der rechten Faust erledigt er den Rest. Der Verfolger ist tot. Der junge Jäger hatte es zu eilig gehabt und war unachtsam geworden. Leider ist dessen Bogen, der ihm gut gedient hätte, kaputt, aber mit dem lahmen linken Arm hätte Ötzi sowieso keinen Bogen mehr halten oder spannen können.

-Es wird sogar vermutet, Ötzis linker Arm könnte nach dem Pfeilschuss teilweise gelähmt gewesen sein.

Mit dem rechten Arm greift er sich den in seiner Schulter steckenden Pfeil und reisst ihn aus der Wunde. Doch die Pfeilspitze löst sich vom Schaft und bleibt in seinem Schulterblatt stecken. Ötzi darf trotzdem keine Zeit verlieren. Er weiss nicht, ob sein Verfolger alleine war, oder ob er mit mehr Feinden rechnen muss. Er greift sich seinen Stock und das Beil, an dem er mit Stolz hängt, und versucht, die letzten Meter die Rampe hinauf in den nun heulenden Schneesturm auf das Tisensjoch zu gelangen. Er spürt, wie ihm der Lebenssaft entweicht. Eiskalt fühlt sich seine linke Schulter an. Und sein Schädel hämmert.

Während Ötzi endlich das Joch erreicht, der Sturm um ihn tost und er das Leder, mit Blut verschmiert, an seinem Körper kleben spürt, weiss er, er muss die Blutung zum Stoppen bringen. Er kennt das von den Tieren, die er erlegt hat. Wenn zu viel Blut aus ihnen herausläuft, werden sie schwächer und sterben. In einer Felsspalte findet er etwas Schutz vor dem Wind. Er lehnt seinen Bogen an die Felsen, setzt sich tief in die Rinne. Mit dem Finger der rechten Hand ertastet er das Loch des Pfeiles. Alles ist voller Blut. Es fühlt sich angenehm warm auf seinen kalten Fingern an. Ötzi gönnt sich einen Moment der Ruhe. Erschöpft hockt er sich mit dem Rücken an die Wand der Felsspalte. Nur ein wenig rasten.

Ötzi hört das Heulen des Sturmes nicht mehr, es ist ihm nicht mehr kalt. Der Schneesturm bedeckt den Mann aus dem Eis mit Triebschnee. Er merkt nicht mehr, dass er nach vorne kippt und dabei seinen linken, lahmen Arm unter sich begräbt. Seine Gedanken gleiten zum Wild, welches er so oft erlegt hat, und welches sich auch zum Sterben hingelegt hatte. So wie er selbst jetzt.

Ötzi stirbt dort in der Felsspalte. Als das Leben aus ihm entweicht, sorgt der Frost dafür, seinen Körper in „Stellung“ zu halten. Es macht ihm nichts mehr aus, dass sein linker Arm vollkommen verdreht erstarrt, die Schneeschicht auf seinem Körper sich schliesst, der heftige Höhenwind ihn darunter austrocknen und mumifizieren wird und der Schnee und später das Eis ihn für mehr als 5000 Jahre bis in die heutige Zeit verbergen wird.
Ötzi entscheidet sich zum Losgehen.
In seinem Versteck ist auch seinem
Verfolger kalt, und eigentlich glaubt
er nicht mehr daran, den alten Mann
hier in diesem Seitental zu finden.
Doch dann, wie eine Vision, entdeckt
oetzi fundstelle     mann aus dem eis fundstelle     Für Vergrösserung bitte anklicken
-Die Theorie, dass Ötzi innerhalb 4-5 Minuten verblutet sein soll, teilen Militärexperten nicht. Sie vermuten, Ötzi könnte bei dieser Verletzung durchaus auch mehr als eine Stunde überlebt haben und sehr wohl bewegungsfähig geblieben sein. Letztlich ist er aber verblutet. Dies bestätigen Funde von getrocknetem Blut in seiner Brusthöhle.

-Gegen einen Tod innerhalb weniger Minuten sprechen auch seine noch vorhandenen Ausrüstungsgegenstände, die ihm im Falle eines so schnellen Todes mindestens teilweise abgenommen worden wären. Ötzi musste nach dem Pfeiltreffer in seiner Schulter noch die Zeit gehabt haben, seine Verfolger abzuhängen oder, wahrscheinlicher, zu töten. Auch war Ötzi wahrscheinlich alleine. Wäre er in Gesellschaft gewesen und hätte mindestens einer seiner Kameraden überlebt, wäre Ötzi begraben worden. In diesem Fall hätten die Angreifer auch zu mehreren sein müssen, und hätten jene den Kampf gewonnen, wäre Ötzi ohne seine wertvolle Ausrüstung, vor allem ohne das Beil, gefunden worden.

-Die Mumifizierung war nicht vollständig. Der mumifizierte Teil des Körpers ist aber ein Glücksfall, da dadurch Untersuchungen auch an inneren Organen durchgeführt werden konnten. An einigen Stellen, die damals durch den Schnee oder Wasser wohl zu feucht waren, kam es nicht zur Mumifizierung, sondern zu einer "Verseifung", wie man sie bei „Feuchtleichen“ findet. Genauere Untersuchungen an diesen Stellen waren nicht möglich.

Doch trotz aller zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Fakten bleiben die Geschehnisse der letzen Tage Ötzis nur Spekulationen. Denn nur Ötzi selbst könnte uns erzählen, was kurz vor seinem Tode geschah.

Und das wird er wohl nicht mehr machen.
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